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Energie: Das Paradox der Meerenge
„Wie so oft orientieren wir uns an den Sternen – bei bewölktem Himmel.“ Das Zitat stammt von Jerome Powell*, trifft aber genauso gut auf die gefährliche Arbeit der Schiffscrews zu, die mit ausgeschalteten Ortungssystemen die Meerenge von Hormus durchfahren, um dem wachsamen Blick des Iran zu entgehen. Ihrem Mut ist zu verdanken, dass wieder in merklichem Umfang Passagen stattfinden und Öl von den Ländern des Nahen Ostens exportiert wird, wie mehrere spezialisierte Analysebüros unterstreichen. Doch obwohl es nun wieder größere Mengen durch das Nadelöhr schaffen, verharrt der Preis für „Dated Brent“, der den physischen Handel widerspiegelt, in der Nähe seines Jahreshochs von 127 USD pro Barrel, gefolgt vom ‚papiernen Fass‘** mit 115 USD. Dass sich Mengen- und Preisentwicklung zu entkoppeln scheinen, wirft natürlich Fragen zu der Botschaft auf, die der Ölmarkt derzeit aussendet.
Die Akteure dürften die materiellen Risiken und die schwindenden Reserven bedenken, zumal sich beide Phänomene tendenziell zuspitzen: Trotz der Beschwichtigungsstrategie des amerikanischen Präsidenten vor den Zwischenwahlen ist die reale Lage vor Ort von einer seit Ausbruch des Konflikts beispiellosen Anzahl an Kampfhandlungen geprägt; im Oktober verzeichneten die UKMTO*** durchschnittlich einen solchen Vorfall pro Tag. Kaum besser sieht es bei den Beständen an Land aus, die laut dem jüngsten Bericht der Internationalen Energieagentur auf den niedrigsten Stand seit 2016 gesunken sind.
Denn ein neues Sandkorn bringt das ohnehin bereits arg knirschende Getriebe des Markts für fossile Brennstoffe ins Stocken: die explodierenden Frachtraten. Für einen VLCC**** auf der Route von Nahost nach China werden mittlerweile rund 35 USD pro Barrel fällig, während sich dieser Preis in den letzten fünf Jahren zwischen einem und drei Dollar bewegte! Der Seefrachtmarkt, den internationale Sanktionen bereits 17 % seiner Kapazitäten beraubt hatten, ist heute mit zwei weiteren Herausforderungen konfrontiert: der Umfahrung der von den Huhti-Milizen bedrohten Meerenge Bab al-Mandab und der erschwerten Organisation der Durchfahrt durch die Straße von Hormus. Da nur wenige Reeder bereit sind, das Risiko einer solchen Passage einzugehen, beschränkt sich ihre Rolle nunmehr darauf, die vor dem Golf von Oman liegenden Tanker im Pendelverkehr mit Rohöl zu beliefern.
Diese „Seefrachtkrise“, wie es der CEO des Handelshauses Vitol ausdrückt, wirkt sich auf die verschiedenen Rohölsorten ungleich aus. Eine relative Gewinnerin dieser Konstellation ist die für den Weltmarkt wichtige Referenzsorte Brent aufgrund der geringen Entfernung zwischen den englischen und norwegischen Ölfeldern, aus denen dieser Index zusammengesetzt ist*****, und Rotterdam. Andere von Europa importierte Rohölsorten wie insbesondere das amerikanische WTI und der kasachische CPC Blend haben einen Transportkostennachteil von 10 bis 15 USD pro Barrel. Damit vollzieht sich am Ölmarkt, der einst als Musterbeispiel für einen globalisierten Markt galt, ein beschleunigter Zerfall in regionale Blöcke, obschon die Exporte aus dem Nahen Osten Morgan Stanley zufolge wieder auf rund 10 % des Vorkriegsniveaus angestiegen sind.
Eine nur minimale Aufhellung der Lage ist am Markt für Flüssigerdgas zu vermerken: Lagen die Exportmengen im August noch bei 5 % des Januarniveaus, sind es laut dem Analysehaus Kpler inzwischen rund 30 %. Angesichts der Beschädigung von zwei LNG-Zügen der Verflüssigungsanlage Ras Laffan in Katar sowie der Explosionsgefahr im Fall eines Angriffs auf Flüssiggastanker dürfte eine rasche Normalisierung der Lieferflüsse ausgeschlossen sein. Unter diesen Vorzeichen sieht Europa nun dem Winter entgegen – mit einem historisch niedrigen Speicherfüllstand von 64 % (per 17. Oktober).
Vor dem Hintergrund des Bieterwettbewerbs mit Asien um Liefermengen sind die Gaspreise in Europa um eine weitere Länge angezogen, was den Index TTF mit Fälligkeit im Dezember betrifft, der auf einem seit August 2022 nicht mehr erreichten Hoch von 97 €/Mwh notiert. Europa befindet sich damit in einer heiklen Lage mit Blick auf die kommenden Monate, in denen die Preise zum Spielball jedes Temperaturabfalls und jedes Exportrückgangs aus dem Persischen Golf werden dürften.
Noch prekärer stellt sich die Situation bei Raffinerieerzeugnissen dar, insbesondere aufgrund der Frachtraten: Tanker, die Diesel, Benzin und Kerosin transportieren, sind in der Regel kleiner als die mit Rohöl beladenen, jedoch mit denselben Frachtkosten verbunden, wodurch die wirtschaftliche Gleichung ungünstiger ausfällt. Folglich liegen die Exportmengen nur auf der Hälfte des Niveaus vom Jahresbeginn, während die Vorräte deutlich zurückgehen.
Unter den Destillat-Kraftstoffen sorgt Diesel für die meisten Spannungen, was vor allem auf den Unmut der amerikanischen Verbraucher im Vorfeld der Midterms zurückzuführen ist. In Antwort auf das Murren der US-Wähler hat die Regierung nun einen Deal mit Moskau unterzeichnet, nachdem sie zunächst Exportbeschränkungen ins Auge gefasst hatte. Im Gegenzug zu einer Lockerung der Sanktionen dürfte Russland demnach zunächst 300.000 Tonnen Diesel in die Vereinigten Staaten ausführen.
Zur Einordnung: Diese Mengen entsprechen 2,5 Mio. Barrel, während die USA pro Tag 1,5 Mio. Barrel exportieren. Womöglich ist dies der Grund dafür, dass diese Ankündigung kaum Auswirkungen auf den Diesel-Crack-Spread in den Vereinigten Staaten hatte. In ihrem jüngsten Monatsbericht setzt die IEA 1,3 Mio. Barrel pro Tag für die Ausfälle aus Russland und dem Nahen Osten an, die nur zum Teil kompensiert wurden, sodass im Vergleich zum Vorjahr unterm Strich Exporte in Höhe von 700 Tsd. Barrel pro Tag weggebrochen sind. Vor der zweiten Jahreshälfte 2027 rechnet die internationale Institution bei diesem Kraftstoff denn auch nicht mit einer Normalisierung der Lage.
In diesem instabilen Umfeld hat TotalEnergies, dessen Sparte Integrated Power mittlerweile 30 Milliarden Dollar an eingesetztem Kapital wiegt, seinen Investorentag abgehalten, um seinen mittelfristigen Ausblick anzupassen. TotalEnergies-CEO Patrick Pouyanné geht davon aus, dass die geopolitischen Verwerfungen aufgrund des vom Markt an die Verbraucher ausgesendeten Preissignals unweigerlich die Elektrifizierung anfachen werden. Und tatsächlich ist der Preissprung bei Brent mit Fälligkeit in zwölf Monaten von 70 USD pro Barrel im Juli auf jetzt 87 USD frappierend.
Dieses simple, aber eherne wirtschaftliche Gesetz des Preissignals macht ein Eintreten dieser Prognose einer beschleunigten Elektrifizierung überaus wahrscheinlich. Anleger, die an diesem grundlegenden Trend partizipieren möchten, werden keine Mühe haben, eine Vielzahl an Sektoren und Titeln ausfindig zu machen, die ein Engagement beim Thema des Ausgabenanstiegs (nach jahrzehntelanger Unterinvestitionen) für Energieinfrastruktur (Erzeugung, Transport und Lagerung) ermöglichen …
*Jackson Hole 2023.
**Brent-Terminkontrakt mit Fälligkeit im Dezember.
***United Kingdom Maritime Trade Operations, die britische Behörde zur Überwachung der Handelsschifffahrt.
****Very Large Crude Carrier, sehr große Rohöl-Tanker.
******Die Ölfelder Brent, Forties, Oseberg, Ekofisk und Troll.
Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 23. Oktober 2026.
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