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KI gegen SI
KI ist tot, es lebe die Superintelligenz! Der amerikanische Präsident hat jüngst ein Dekret unterzeichnet, das die Bundesbehörden zur Verwendung des Begriffs „Superintelligenz“ anstelle von künstlicher Intelligenz auffordert. Mit rhetorischen Mitteln wird also versucht, die Oberhand über ein Thema zurückzugewinnen, das weltweit im Mittelpunkt des Anlegerinteresses steht. Auch abgesehen von der Signalwirkung dieser Botschaft ist die Tech-Branche weiter auf dem Vormarsch, etwa mit dem Durchbruch in Form neuartiger persönlicher Agenten wie Muse. Allerdings stößt beim Aufbau der nötigen Infrastruktur auch sie an ihre Grenzen, wie das jüngste Oracle-Debakel zeigt. Angesichts dieser vielfältigen Entwicklungen scheint es uns geboten, unsere Analyse noch einmal auf den neuesten Stand zu bringen.
Nach dem Aufruf des Anthropic-CEOs Dario Amodei zu einer Drosselung des Fortschrittstempos hat die Antwort des US-Präsidenten nicht lange auf sich warten lassen. Am 29. September berief er die sechs größten amerikanischen KI-Akteure zu einem Gipfel im Weißen Haus ein, in deren Anschluss diese sich zur einer „moralisch bindenden“ Selbstkontrolle verpflichteten. Dem ehemaligen SEC*-Chef und jetzigen Geheimdienstkoordinator Jay Clayton fällt nun die knifflige Aufgabe zu, eine task force zu leiten, die die mit der Superintelligenz verbundenen Risiken überwachen und zugleich gewährleisten soll, dass Innovationen nicht ausgebremst werden – schließlich sollen die Vereinigten Staaten ihren Vorsprung auf diesem hochstrategischen Gebiet behalten.
Kaum hatte er jenes Treffen verlassen, erklärte Meta-Eigentümer Mark Zuckerberg: „Über eines sind wir uns alle einig: Die amerikanische Öffentlichkeit und unsere Kunden möchten sichergehen können, dass unsere Entwicklungen so funktionieren, wie wir alle es beabsichtigen.“ Seitdem hat der Facebook-Mutterkonzern seinen Worten Taten folgen lassen und den virtuellen Assistenten Muse lanciert, der in den Vereinigten Staaten auf Anhieb zum Download-Spitzenreiter im App Store wurde. Dieser für eine breite Öffentlichkeit bestimmte KI-Agent begnügt sich nicht damit, dem Nutzer Informationen zu liefern, sondern wird auch gleich selbst aktiv, indem er zum Beispiel Reisen bucht oder Transaktionen vornimmt. OpenAI ist sofort nachgezogen und hat auf der vierten Ausgabe seiner jährlichen Entwicklerkonferenz DevDay seine persönlichen Assistenten Dots vorgestellt, die ebenfalls kontinuierlich anstatt punktuell proaktiv Aufgaben übernehmen.
Die Anleger haben sogleich ihre Schlüsse aus diesen neuen Entwicklungen gezogen und erneut Hersteller von CPUs** favorisiert, die als die großen Gewinner aus dieser beständig nach Rechenleistung gierenden Ökonomie der Inferenz*** hervorgehen. Umgekehrt fürchten sie, dass diese Innovationen die auf ‚Trägheitsrenten‘ basierenden Geschäftsmodelle infrage stellen könnten. Dieser Begriff fasst alle Wirtschaftszweige zusammen, in denen Reibungen wie die Komplexität von Preisvergleichen oder Hürden bei der Kündigung von Abonnements für beständige Einnahmen sorgen. Fazit: Der von der Investmentbank Goldman Sachs wohlweislich entwickelte Themenkorb „Verbraucherträgheit“ hat seit der Ankündigung der Markteinführung von Muse um 9 % nachgegeben.
Während die Hyperscaler und Labors dafür sorgen, dass sich das Rad der Innovationen auf Hochtouren weiterdreht, hakt es beim Nachschub: Nach Katar und aus gänzlich anderen Gründen muss sich nun Oracle auf höhere Gewalt berufen. Hier hapert es beim Project Jupiter, einem Rechenzentrum, das bis 2028 in New Mexico entstehen soll. In der Presse ist von Verzögerungen bei der Einholung von Genehmigungen bezüglich der Luft- und Wasserqualität sowie bei der Anbindung an eine Gas-Pipeline zu lesen. Wobei Oracle kein Einzelfall ist: In 60 % der Rechenzentren, die bis Ende 2027 fertiggestellt werden sollen, gibt es dem Wall Street Journal zufolge Probleme beim Anschluss an das Stromnetz.
Anthropic als der Star unter den amerikanischen Labors dürfte sich von diesem Infrastrukturproblem nicht von seinem bis Jahresende geplanten Börsengang abhalten lassen. Das Unternehmen hinter der KI Claude strebt eine Bewertung von 2 Billionen Dollar an und hat jüngst einen 261 Seiten starken Prospekt veröffentlicht, den die Financial Times einsehen konnte. Anhand der wichtigen Kennzahlen lässt sich das Geschäftsmodell von Anthropic darin besser nachvollziehen. Letztes Jahr hat das Unternehmen seine Einnahmen verzwölffacht (auf 4,6 Milliarden Dollar). Weniger rosig sieht hingegen die Erfolgsrechnung aus: Aufgrund exponentieller Kosten ergibt sich unterm Strich ein operativer Verlust von 8 Milliarden! Nachdem es im ersten Halbjahr 2026 zu einem operativen Gleichgewicht gefunden hatte, scheint das Unternehmen ab 2028 einen Jahresüberschuss anzupeilen.
Im Vorfeld dieses Börsenevents befindet sich der amerikanische Aktienmarkt erneut in einer besonderen und potenziell gefährlichen Lage: Der Index S&P 500 notiert knapp unter seinem Allzeithoch, bewegt sich aber auf denkbar dünnem Eis. So werden lediglich ein Drittel der im Index vertretenen Titel über ihrem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt gehandelt. Das Ergebnis ist eine so extreme Marktkonzentration, dass die zehn Akteure mit der größten Marktkapitalisierung gemeinsam die psychologisch wichtige Marke von 40 % des Index ausmachen, was die ältesten unter uns selbstverständlich an die Dotcom-Blase der 2000er Jahre gemahnt. Wenn auch mit einem gewichtigen Unterschied: Im Konsens wird das Gewinnwachstum dieser zehn Unternehmen für die kommenden zwölf Monate auf rund 37 % der aggregierten Gewinne des S&P 500 geschätzt.
Umso mehr Aufschluss darf man sich von der soeben angelaufenen Berichtssaison erhoffen. Sie wird zeigen, ob sich das Gewinnwachstum der Tech-Giganten in die erhoffte Richtung entwickelt und ob die Monetarisierung der Investitionsausgaben glückt. Andernfalls dürften sich die Anleger von jenen Positionen, die sie zuletzt im Namen der Superintelligenz aufgebaut hatten, schnell wieder trennen.
*Securities and Exchange Commission, die US-Börsenaufsicht.
**Central Processing Units, Computerprozessoren.
***Die Phase, in der ein bereits trainiertes Modell seine Kenntnisse auf neue Daten anwendet, um eine Antwort zu generieren.
Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 16. Oktober 2026.
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