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Technologiesektor: Bulle oder Blase?
Die Alarmglocke wurde geläutet, wenn auch nicht unbedingt von der Institution, von der man dies erwartet hätte: In einem Blog-Eintrag einer Gruppe ihrer Wirtschaftsexperten legt die EZB dar, dass die Börsenentwicklung der Mag7 angesichts der Exponierung von Investmentfonds und historischer Parallelen zur Gefahr für die Finanzstabilität im Euroraum werden könnte. Aus dem Protokoll der letzten Fed-Sitzung geht hervor, dass deren Gouverneure die Tech-Branche ebenfalls genau beobachten, insbesondere im Hinblick auf Rückkopplungseffekte der KI-Ausgaben auf die Inflation. Dies überrascht kaum, ist dieser Sektor doch aufgrund seines Gewichts sowohl auf mikro- als auch auf makroökonomischer Ebene ein zentrales Thema für Anleger. Angesichts der rasanten Entwicklungen scheint somit eine Generalüberholung unseres Koordinatensystems geboten.
Die erste Aktualisierung betrifft die Unsummen, die die Hyperscaler im Wettrennen um den KI-Infrastrukturausbau ausgeben. Von den amerikanischen Mega-Caps wurde die soeben ausgelaufene Berichtssaison zum Anlass genommen, abermals ihre Capex-Prognosen hochzuschrauben – von 757 Milliarden auf 793 Milliarden Dollar (gemäß dem Konsens für das laufende Jahr). Doch der Blick der Anleger auf diese unablässig aufwärts korrigierten Ausgaben scheint sich verändert zu haben, wie das Abschneiden des Google-Mutterunternehmens an der Börse zeigt: Seitdem Alphabet erstmals seit seinem Börseneinstand einen negativen free cash flow für ein Quartal ausweisen musste, hinkt der Titel dem S&P 500 um 5 % hinterher. Damit zeigt sich, wie zentral die Frage der Monetarisierung der Investitionen angesichts der Tatsache ist, dass sich die Tech-Akteure an den Kapitalmärkten massiv mit Geld eindecken, um ihre Anschaffungen zu finanzieren.
Alphabet hat im Übrigen als Erster das Ende der Sommerpause am Kreditmarkt eingeläutet und mit der Emission einer neuen Anleihe 115 Milliarden Dollar aufgenommen. Intel hat sich seinerseits bei einer Aktienplatzierung etwas über 20 Milliarden Dollar verschafft – eine Premiere seit seinem Börsengang anno 1971! Angezapft werden auch die Privatmärkte. So beabsichtigt Nvidia, 500 Milliarden Dollar bei den klingendsten Namen der Wall Street* einzusammeln, um seinen Kunden die Finanzierung ihrer Investitionen insbesondere in Prozessoren zu ermöglichen.
Diese Titelschwemme** hat jedoch einen Preis: eine höhere Anlegervergütung über eine Ausweitung der Kreditspreads, wie die letzte Alphabet-Transaktion von Ende August illustriert: Das Unternehmen hat eine auf australische Dollar lautende Anleihe begeben, für deren zwanzigjährige Tranche es einen Aufschlag von 180 Basispunkten auf die Zinsen von Staatsanleihen zahlen muss, was einer Rendite von knapp 7 % entspricht. Und auf kurze Sicht dürfte sich dieser Ausgabentrend auch nicht umkehren, nicht zuletzt aufgrund der Rivalität mit China.
Die Performance-Analyse des Moonshot-Modells Kimi K3 durch den KI-Benchmarker Artificial Analysis hat auf die Vereinigten Staaten wie eine kalte Dusche gewirkt. Kimi K3 rangiert hier im Intelligenzvergleich gleich hinter den proprietären Spitzenmodellen der US-Konkurrenz. Dieses chinesische Modell ist quelloffen*** und setzt auf die ‚Mixture-of-Experts‘-Technologie****. Während diese Architektur gigantische Kapazitäten ermöglicht, hält sie die Inferenzkosten in Grenzen.
Abgesehen von den mehr oder weniger verwunderten Reaktionen der amerikanischen KI-Gurus hat über David Sacks, den KI-Experten des Weißen Hauses, auch die US-Regierung ihre Besorgnis zum Ausdruck gebracht. Nachdem sie es Nvidia lange Zeit verboten hatte, seine am weitesten entwickelten Prozessen an chinesische Player zu verkaufen, möchte sie wenig überraschend nun auch den Einsatz der neuen chinesischen Komponenten in Rechenzentren unterbinden. Das chinesische Handelsministerium wiederum ist mit den führenden KI-Akteuren der Volksrepublik im Gespräch, um die Weitergabe von Trainingsdaten einzuschränken.
Und wie steht es inmitten dieser Entwicklungen um die Arbeitnehmer? In einer Umfrage unter 22.000 US-Unternehmen scheint sich das Szenario einer job apocalypse zu relativieren; vielmehr wird eine positive Korrelation zwischen KI-Investitionen und Einstellungen hervorgehoben. Innerhalb der untersuchten Stichprobe hatten sich die Belegschaften unter den eifrigsten Nutzern von KI zwei Jahre nach deren Einführung um durchschnittlich 10,2 % erhöht. Wie schon früheren Erhebungen mangelt es auch dieser Studie natürlich am erforderlichen zeitlichen Abstand, um endgültige Schlüsse ziehen zu können. Anleger und Regierungen dürften die großen Zukunftstrends angesichts ihrer sozialen und wirtschaftlichen Sprengkraft jedoch aufmerksam im Blick behalten.
Die Befürchtungen der EZB-Ökonomen haben sich mit der Auflösung der spekulativsten Positionen im Tech-Sektor und insbesondere im Halbleitersegment zum Teil bewahrheitet. Aber eben nur zum Teil, da die höhere Anzahl an Unternehmen, deren Kurse die Indizes vorrücken lassen, die Korrektur des Sektors wettmacht. Diesem Umstand ist übrigens zu verdanken, dass der S&P Equal Weight den nach Marktkapitalisierung gewichteten S&P 500 in diesem Jahr überflügelt.
Für Anleger sollte diese Gemengelage ein Signal sein, sich noch intensiver um eine breite Diversifizierung über möglichst viele Sektoren und Anlagestile hinweg zu bemühen, wobei in der jetzigen Phase, in der die Kapitalkosten der Unternehmen aufgrund der anziehenden risikolosen Zinsen tendenziell steigen, die Cash-Generierung einen guten Kompass abgeben dürfte.
*Apollo, Blackstone, BlackRock, Brookfield, KKR und GS.
**Seit Jahresbeginn haben die Hyperscaler Wertpapiere im Volumen von rund 200 Milliarden Dollar begeben, was rund 9 % der weltweit platzierten Investment-Grade-Anleihen entspricht (gegenüber rund 2 % im Zeitraum 2022 bis 2024).
***Der Quellcode kann heruntergeladen, eingebunden und geändert werden.
****Die Verarbeitung von Token erfolgt über spezialisierte Subnetzwerke.
Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 4. September 2026.
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