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Energiemärkte außer Rand und Band

Energiemärkte außer Rand und Band

3 min

Bei einer Rede zur Lage der Nation im Juli 1979 stellte US-Präsident Jimmy Carter einst fest, sein Land habe „allein in seinem Schiefergestein mehr Erdöl, als mehrere Saudi-Arabiens zusammen“. Angesichts der Prognosen der Internationalen Energieagentur dürfte es sich erübrigen, diese Vorkommen ans Tageslicht zu befördern: Das Angebot übertrifft die Nachfrage*, wie die steigenden Ölvorräte belegen. Ohnehin setzt der amerikanische Barrelpreis von 60 Dollar** (WTI) lokalen Produzenten keinerlei Anreiz, dem Befehl ihres Präsidenten („Drill, Baby, drill“) nachzukommen.

Dieser niedrige Ölpreis, zumal in Kombination mit sinkenden Gaspreisen, zieht verschiedene Konsequenzen nach sich. Für Europa als Nettoimporteur von Erdölprodukten ist diese Entwicklung eindeutig eine gute Nachricht. Der jüngste Trend verleiht den Haushalten Kaufkraft und beschert der Industrie niedrigere Energierechnungen. Auch auf die Inflation in der Währungsgemeinschaft dürfte sich der Preisverfall dämpfend auswirken, wobei sich die EZB jedoch auf die (ohne schwankungsanfällige Komponenten ermittelte) Kernrate der Teuerung fokussiert.

Für die Vereinigten Staaten fügt sich – trotz des nicht klar absehbaren gesamtwirtschaftlichen Effekts aufgrund der US-Öl- und insbesondere -Gasexporte – diese Kursanpassung in eine breitere Logik ‚administrierter‘ Preise ein, zumal mit Blick auf die näher rückenden Zwischenwahlen. Die Zustimmungswerte zur Wirtschaftspolitik des Präsidenten sind auf einen Tiefststand eingebrochen (42 %), sodass aus dessen Sicht der Rückgang der Energie- und damit der Benzinpreise einen Glücksfall darstellen dürfte. Aus denselben Beweggründen verhandelt die amtierende Regierung auch mit den Konzernen des Pharmasektors über die Senkung von Arzneimittelpreisen. Denkt man diese Methode weiter, so stellt sich unweigerlich die Frage nach den Risiken eines solchen Interventionismus bei Versorgungsunternehmen mit dem Ziel, die Energierechnung der amerikanischen Haushalte im Zaum zu halten.

Unter dem Druck der Hyperscaler und ihrer gewaltigen CapEx für Rechenzentren dürfte der Stromverbrauch dieser neuen KI-Infrastruktur bis 2030 auf das Zwanzigfache des Bedarfs von New York anwachsen, wie Nema*** berechnet hat. Angesichts dieses plötzlichen Wachstumsschubs der Energienachfrage nach zwanzig Jahren Stagnation werden die Betreiber des in die Jahre gekommenen amerikanischen Stromnetzes massiv in Kabel, Umspannwerke und Co. investieren müssen. Prompt hat das Iberdrola-Tochterunternehmen seine Verkaufspreise im Bundesstaat New York um 23 % angehoben, um diese Investitionswelle finanzieren zu können.

Ein weiterer Nebeneffekt der laufenden KI-Revolution: Die US-Nuklearbranche muss um ihr Comeback fürchten, und dies aufgrund eines ‚schlichten‘ Beschaffungsproblems: Die World Nuclear Association meldet, dass 2024 die Urannachfrage das Angebot um 12 % überstiegen hat (was über Vorräte und das Sekundärangebot abgefedert wurde), und prognostiziert ein Nachfragewachstum um 30 % bis 2030 (auf 86 kt) und auf 150 kt im Jahr 2040. Denkt man diesen industriellen Paradigmenwechsel mit den Zeiträumen zusammen, die zwischen der Entdeckung von Uranvorkommen und dem Förderbeginn in einer neuen Produktionslinie liegen (mindestens zehn Jahre) sowie mit dem sinkenden Urangehalt im Erz bestehender Abbaustätten, so liegt auf der Hand, dass mittelfristig mit einem Defizit zu rechnen ist.

Während sich Verbraucher an der Tankstelle über günstigeren Sprit freuen, ächzt die Erdölindustrie unter dem Preisverfall, wie sich an den Geschäftszahlen für das dritte Quartal ablesen lässt (in Europa ist der Gewinn je Aktie gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode um 10 % gesunken). Dieser versiegende Cashflow lässt den Mineralölkonzernen keine andere Wahl, als sich mit Aktienrückkäufen zurückzuhalten, sodass sich die Rückflüsse an die Aktionäre weniger üppig ausnehmen. Einige dieser Unternehmen nutzen diese Gelegenheit auch dazu, ihre Ausgaben für die Energiewende zurückzustutzen. Wobei zu ihrer Verteidigung anzumerken ist, dass sich die Umweltvorgaben laufend ändern, wie auch die Entscheidungen der US-Administration in puncto Windkraft zeigen. Das Ergebnis ist eine abermalige Kurskorrektur beim einstigen dänischen Börsenliebling Ørsted, dessen Aktie in diesem Jahr um 25 % und seit den Spitzenniveaus im Januar 2021 um 80 % eingebrochen ist.

Tiefer im Süden Europas kommt der Regierungsbericht zum Blackout auf der iberischen Halbinsel zu dem Schluss, dass Sonnenenergie nicht die Ursache der Überspannung im Netz war, die zur automatischen Abschaltung mehrerer Kraftwerke geführt hat. Abgesehen von den politischen Aspekten hat der Netzbetreiber Red Electrica jüngst vor dem Risiko eines neuen großflächigen Ausfalls gewarnt und in einem Eilantrag an die Aufsichtsbehörde darum geben, seine betrieblichen Verfahren ändern zu dürfen, um im Fall neuer Überspannungsprobleme besser reagieren zu können. Bis eine befriedigende Energielösung gefunden ist, setzt der Betreiber seit diesem Vorfall systematisch Gasturbinen ein, um das System zu stabilisieren.

Im September hat die EU-Kommission ein Jahr nach Erscheinen des berühmten Berichts von Mario Draghi zur Wettbewerbsfähigkeit Europas eine Konferenz mit dem einstigen EZB-Präsidenten ausgerichtet. Dieser erinnerte bei dieser Gelegenheit daran, dass die Energiepolitik das Rückgrat der Wirtschaft darstellt. So gesehen sind sinkende Energiepreise zweifellos eine gute Nachricht für Europa – was die Entscheidungsträger jedoch nicht davon abhalten darf, die unverzichtbaren Anstrengungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit unserer heimischen Industrie zu unternehmen, die sich in einer zunehmend polarisierten Welt behaupten muss.

*Bis 2026 rechnet die Agentur mit einem Überhang von 4,1 Mio. Barrel pro Tag.

**-17 % seit Jahresbeginn, was der schwächsten Performance unter sämtlichen Anlageklassen entspricht.

***US-Verband, der die Interessen der elektrotechnischen Industrie vertritt.

Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 12. Dezember 2025.

Dieser Artikel stellt weder ein Kaufangebot noch eine Anlageempfehlung dar. Diese Werbeunterlage ist ein vereinfachtes Präsentationsinstrument und stellt weder ein Zeichnungsangebot noch eine Anlageberatung dar. Die in der Vergangenheit erzielte Performance bedeutet keine Prognose für die Zukunft. Verwaltungskosten sind in der Wertentwicklung enthalten. Die Performances sind von DNCA FINANCE berechnet. 

DNCA Investments ist eine Handelsmarke von DNCA Finance.

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