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Shutdown und Aktienrückkäufe
Es ist wieder soweit, zum 16. Mal in 45 Jahren: Die USA erleben ihren 16. Shutdown seit 1981. Wie diese Zahl unterstreicht, hat die Haushaltssperre auf US-Bundesebene keineswegs Ausnahmecharakter. Auslöser des Stillstands ist diesmal der Streit über die Weiterführung von Steuergutschriften für die Krankenversicherung. Die extreme Kluft zwischen den Lagern in den Vereinigten Staaten erschwert es jedoch, im politischen Aushandlungsprozess zu einem Kompromiss zu gelangen (der eine Mehrheit von mindestens 60 Stimmen im Senat erfordert). Somit stellt die derzeitige Pattsituation insofern einen Sonderfall dar, als sie auf einen Zeitpunkt fällt, zu dem der für das Einkommen der Privathaushalte und damit für den Konsum ausschlaggebende Arbeitsmarkt Anzeichen von Schwäche erkennen lässt.
Konkret dürften rund 750.000 Bundesbedienstete aufgrund der Schließung von non-essential services in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt werden, wie das CBO* errechnet hat. Zu diesen nicht als systemrelevant eingestuften Angeboten zählt auch das BLS**, das die Zahlen für den monatlichen Beschäftigungsbericht erhebt und veröffentlicht. Da dieser Anfang Oktober ausblieb, mussten die Anleger mit alternativen Umfragen Vorlieb nehmen, um sich ein Bild von der Abkühlung des Arbeitsmarkts zu machen. Aufgrund dieser verzögerten Bereitstellung ‚harter‘ Daten (im Gegensatz zu Sentimentanalysen) gestaltet sich die Aufgabe der Fed noch komplexer. Unterdessen zeigt sich die Regierung gewohnt opportunistisch und droht, Tausenden von Beamten zu kündigen, um den Demokraten die Verantwortung für die Folgen der lahmgelegten Verwaltung zuzuschieben.
Erwartungsgemäß treibt diese abermalige Haushaltssperre den Cortisolpegel der Anleger und folglich auch den Goldpreis in die Höhe. Das Edelmetall, das bereits vor der Blockade Performance-Spitzenreiter war, hat dank dieses zusätzlichen Unsicherheitsfaktors erstmals die symbolisch bedeutende Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze geknackt. Zudem kommt dem Goldpreis die erneut gestiegene Nachfrage seitens der Zentralbanken und insbesondere der chinesischen Volksbank nach der Sommerpause zugute. Prompt hat die Bank Goldman Sachs ihren Ausblick korrigiert und rechnet nun mit einem Preisanstieg auf 4.900 US-Dollar bis Dezember 2026.
Wendet man den Blick von der Gesamtwirtschaft auf die mikroökonomische Ebene, so zeichnet sich ein weiteres Shutdown-Risiko ab, diesmal jedoch im Hinblick auf die Veröffentlichung der Quartalsergebnisse amerikanischer Unternehmen. Ihrer Deregulierungslogik folgend möchte die US-Administration die finanziellen Berichtspflichten der Unternehmen lockern, damit diese sich auf ihre langfristigen Ziele konzentrieren können. Hier ist der Vergleich mit Europa aufschlussreich, das keine vierteljährlichen Meldungen vorschreibt: Rund 50 % der Unternehmen legen im Quartalsrhythmus Gewinnzahlen vor, während die andere Hälfte halbjährlich ihre Bücher öffnet – eine seit zehn Jahren recht stabile Aufteilung. Goldman Sachs hat auch hierzu eine Analyse parat: Aus der Untersuchung der beiden Gruppen ergibt sich keine Korrelation zwischen der Berichtsfrequenz und den Allokationsentscheidungen über die Cashflow-Verwendung für Investitionen, Dividenden, den Schuldenabbau und Aktienrückkäufe.
Was letztere betrifft, haben US-Firmen in diesem Jahr ein Rekordvolumen an Buybacks gemeldet: rund 950 Milliarden US-Dollar (in den letzten drei Jahren waren es im Schnitt nur 644 Milliarden), was 40 % des konsolidierten operativen Ergebnisses der im S&P500 vertretenen Unternehmen entspricht. Auf Sektorebene entfallen über 60 % der Gesamtsumme auf die Technologie- und die Finanzbranche. In Europa, wo die Gewinne in diesem Jahr stagnieren, hat sich das Volumen der Aktienrückkäufe seit mehreren Quartalen auf ein Niveau von lediglich 15 % der operativen Ergebnisse eingependelt (wobei ein Drittel des Volumens Rückkäufen im Finanzsektor entspricht).
Bislang wurde der von einem Shutdown verursachte wirtschaftliche Schaden*** nach dessen Ende stets zu großen Teilen wieder wettgemacht. Könnte unter diesen Vorzeichen der jetzige Stillstand eine Konsolidierung der Aktienmärkte auslösen, obwohl diese dem Herbstblues getrotzt haben und die Septemberflaute ausgeblieben ist? Der Blick auf die vergangenen Haushaltssperren enthüllt keine typischen Marktreaktionen, die den Anlegern Anhaltspunkte liefern könnten. Da zudem die Wettplattform Polymarket einem Fortdauern des Shutdowns über den 12. November hinaus eine Wahrscheinlichkeit von 50 % beimisst, stützen sich die Anleger verständlicherweise auf die veröffentlichten Quartalsergebnisse.
In der nun angebrochenen Berichtssaison werden sie genau darauf achten, ob sich die Wachstumsaussichten bestätigen, vor allem im Hinblick auf die USA (+6 % werden im Konsens für das zurückliegende Quartal erwartet, 11,5 % für das Gesamtjahr). Für die Geschäftsleitungen ist die Offenlegung der Zahlen zudem ein Anlass, einen Ausblick auf 2026 zu geben, wobei sich die Anleger bereits auf ein weiteres Jahr mit einem deutlichen Gewinnzuwachs je Aktie beiderseits des Atlantiks einstellen (+12,3 % in Europa und +13,9 % in den Vereinigten Staaten). Nutzen wir also die wertvollen Einblicke, die die laufende Quartalsberichtssaison liefert – zumal es sich in den Vereinigten Staaten womöglich um eine der Letzten ihrer Art handelt.
*Das mit der Ausgabenprüfung für den US-Kongress befasste Congressional Budget Office.
**Bureau of Labor Statistics, US-Amt für Arbeitsmarktstatistik.
***Brookings zufolge kostet jede Shutdown-Woche 0,1 % Zuwachs des Jahres-BIPs.
Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 31. Oktober 2025.
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