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TACO und seltene Erden (2. Teil)
Das gleiche Spiel noch einmal von vorn: Nachdem die Aktienmärkte die mit dem Liberation Day verbundenen Verluste wieder ausgeglichen haben und die Abkühlung am US-Arbeitsmarkt in den Fokus der Anleger gerückt ist, kehrt das Zollrisiko zurück in die Schlagzeilen, und mit ihm ein neuer Volatilitätsschub. Diesmal geht der Druck von China aus, das im Vorfeld des Treffens zwischen den Spitzen der beiden Supermächte zum scharfen Schwert seiner seltenen Erden greift.
Bekanntlich kontrolliert China 70 % aller Abbaustätten seltener Erden, vor allem aber 90 % aller Kapazitäten für deren Raffinerie (ein hochgradig umweltschädlicher Prozess) sowie 90 % der Herstellung von Permanentmagneten, die in einer Vielzahl kritischer Industrieanwendungen (Technologie, Energie und Verteidigung) zur Anwendung kommen. Der jüngsten Ankündigung der chinesischen Regierung zufolge muss ab dem 1. Dezember jeder Nutzer seltener Erden aus China eine Genehmigung beantragen, um seine Endprodukte vermarkten zu können.
Theoretisch dürfte dann ein in den Vereinigten Staaten hergestellter amerikanischer KI-Chip, der seltene Erden aus China enthält, nur mit dem Plazet aus Peking an einen US-Kunden vertrieben und von diesem eingesetzt werden. Kurzum: China ist entschlossen, mit Blick auf die US Foreign Direct Product Rules Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
Wenig überraschend hat diese Nachricht für Entrüstung im Weißen Haus gesorgt. Für den Fall, dass diese Pläne umgesetzt werden, verspricht der US-Präsident, ein wahres Zollgewitter über das Reich der Mitte hereinbrechen zu lassen, mit zusätzlichen Abgaben in Höhe von 100 % auf alle chinesischen Einfuhren in die USA. Auch das mit Spannung erwartete Treffen auf dem APEC-Gipfel* am 31. Oktober in Südkorea steht nun in Frage.
Diese Scharmützel zwischen den beiden Staatsoberhäuptern erinnern stark an die Situation im April, als Donald Trump China schon einmal mit 100%-Zöllen drohte. Nach der im Mai beschlossenen und im August verlängerten Waffenruhe hatten sich die Spannungen letztlich gelegt. Allerdings haben die Zollsätze, die derzeit in Kraft sind (30 % für China und 40 % für die USA), bereits die beabsichtigte Wirkung gezeigt: Der bilaterale Handel zwischen den beiden Volkswirtschaften verzeichnet einen deutlich abrupteren Rückgang, als dies während der ersten Amtszeit des Republikaners der Fall war.
Wenige Tage nach dieser Kampfansage schlug Trump wieder versöhnlichere Töne an: Die Vereinigten Staaten wollten „China nicht schaden, sondern dem Land helfen“. Von den Anlegern wurde dieser Rückzieher prompt als Gelegenheit für abermalige TACO Trades** interpretiert, was die Aktienmärkte automatisch anziehen ließ.
Die US-Regierung treibt ihre Wechselbad-Taktik aber noch weiter. So beeilte sich der amerikanische Finanzminister, in einem Interview mit der Financial Times zu erklären, dass China lediglich aus binnenwirtschaftlicher Not agiere. Von all dem zeigen sich die Marktteilnehmer unbeeindruckt: Laut der Pariser Wettplattform Polymarket rechnen diese mit einer Wahrscheinlichkeit von 92 % damit, dass die Begegnung zwischen Trump und Xi beibehalten wird.
Hinter ihrer rhetorischen Drohkulisse haben die Vereinigten Staaten ihre strategische Schwäche jedoch längst zur Kenntnis genommen und industrielle Gegenmaßnahmen ergriffen. Als Beispiele ließen sich das jüngst mit Australien abgeschlossene, 8,5 Mrd. Dollar schwere strategische Abkommen über die Zusammenarbeit bei kritischen Metallen oder der vom Bergbauunternehmen Teck Resources bekundete Wille nennen, sich als führender Akteur bei der Förderung der (für die Rüstungsindustrie unverzichtbaren) Rohstoffe Germanium und Gallium in Nordamerika zu etablieren. Dies verheißt jede Menge Rückenwind für lokale Firmen wie Lynas oder MP Materials, deren Börsenkurse sich im laufenden Jahr denn auch verdreifacht haben.
Wie zu erwarten war, versuchen die beiden Protagonisten mit ihrem Gebaren, ihre jeweilige Position im Hinblick auf künftige Verhandlungen zu stärken. Dabei tritt immer offener zutage, dass kurzfristig keiner der beiden dem anderen klar überlegen ist. Letztlich wird man sich somit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen müssen, wie in jedem Lehrbuch zu Verhandlungstaktiken nachzulesen ist. Langfristig jedoch scheinen sich die beiden Länder auf einem Kurs der finanziellen und technologischen Entkopplung zu befinden – mit empfindlichen Nebenwirkungen für die restliche Welt, die Anleger bei ihrer Analyse nicht außer Acht lassen dürfen.
*Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft.
**Diese Wortschöpfung von Robert Armstrong benennt ein psychologisches Muster: Der Präsident spricht Drohungen aus, woraufhin sich Verunsicherung breitmacht, bis Trump schließlich klein beigibt und die Märkte erneut Vertrauen fassen.
Pierre Pincemaille, Generalsekretär der Verwaltung., am 24. Oktober 2025.
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