23. März 2017

"Beerdigen wir nicht gleich den globalen Kapitalismus"

Marktkommentar

Von Igor de Maack,
Portfoliomanager und Sprecher des Portfoliomanagements

 

Die wirtschaftlichen Parameter in Europa verbessern sich weiter, und die monetären Bedingungen in den USA normalisieren sich. Obwohl die Demokratien durch populistische Strömungen einer Belastungsprobe ausgesetzt sind, ist es noch zu früh, das Testament der Eurozone zu schreiben und den globalen Kapitalismus zu beerdigen.

Wie schon 2016 haben die Finanzmärkte die politischen Ereignisse genau im Blick, doch möglicherweise wird deren Bedeutung überschätzt. Nach Spanien, Italien und Österreich haben soeben auch die Niederlande den Lockrufen des politischen und wirtschaftlichen Extremismus eine Absage erteilt. Die Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) von Mark Rutte hat die Wahl gewonnen und steht jetzt vor der Aufgabe, eine Koalition zu bilden. Auch wenn die Märkte im Hinblick auf die niederländische Wahl kaum besorgt waren, zeigt der Wahlausgang doch erneut, dass die antieuropäischen Thesen weit davon entfernt sind, mehrheitsfähig zu sein. Niemand bestreitet, dass die Europäische Union manchmal ineffizient ist – die Briten haben uns mit ihrem Brexit-Votum daran erinnert –, oder dass es in einem Währungsraum (der Eurozone), in dem es bezüglich der Flexibilität der Volkswirtschaften Unterschiede gibt, zu Spannungen kommen kann. Dennoch verbessern sich die wirtschaftlichen Parameter der Eurozone (Konsum- und Geschäftsklima, Arbeitslosenzahlen, Kreditvergabe, Rückkehr der Inflation, leichter Gewinnanstieg der Unternehmen). Seit drei Jahren liegt das BIP des Währungsraumes über dem langfristigen Potenzialwachstum von 1 %. Seit 2011 daran gewöhnt, beunruhigende und systemrelevante Schocks zu überstehen, könnte die Eurozone bei den Anlegern heute wieder an Attraktivität zurückgewinnen, vorausgesetzt, dass auch die letzte politische Hürde einigermaßen störungsfrei überwunden wird: denn alle Augen der Finanzmärkte sind nun auf die französische Präsidentschaftswahl gerichtet. Momentan deuten die Umfragen bei allem Vorbehalt nicht darauf hin, dass eine extreme Partei den Sieg bei der Präsidentschaftswahl erringen könnte, und noch viel geringer ist diese Wahrscheinlichkeit für die Parlamentswahlen im Juni.

In den USA hat die Federal Reserve den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre eingeleitet, indem sie die Zinsen ein weiteres Mal um 0,25 % auf jetzt 1 % angehoben hat.

Die amerikanische Konjunktur scheint seit dem letzten Quartal 2016 zu neuer Stärke gefunden zu haben. Überraschenderweise und entgegen allen Erwartungen der Medien und der Beobachter hat die Wahl von Donald Trump das Verbrauchervertrauen sowie das Vertrauen der amerikanischen Anleger gestärkt. Allerdings müssen die geplanten ehrgeizigen Maßnahmen (Steuersenkungen, höhere Staatsausgaben besonders im Infrastrukturbereich) erst noch das Gesetzgebungsverfahren (den Kongress) passieren. Vieles wird hierbei wohl von der Toleranz der Republikaner gegenüber einer x-ten Anhebung der Obergrenze für die Staatsschulden abhängen. In Europa hat die EZB noch keine Erhöhung der Leitzinsen beschlossen, obwohl von deutscher Seite darauf gedrängt wird. Nichtsdestotrotz hat sie ihre Inflationserwartungen für 2017 auf 1,7 % angehoben, gleichzeitig aber festgestellt, dass der Anstieg der Reallöhne noch nicht ausreichend sei. Infolge dieser Indizien für eine etwas weniger expansive Geldpolitik sind die Zinsen gestiegen. Das Auseinanderdriften der beiden geldpolitischen Ansätze scheint nicht länger tragbar zu sein, zumal sich diese Divergenz in zu hohem Maße auf die Entwicklung der Währungen zueinander (Euro und Dollar) auszuwirken beginnt. Im Hinblick auf eine stärkere wirtschaftliche Dynamik und angesichts des Willens der Zentralbanken, zu einer bestimmten finanziellen Orthodoxie zurückzukehren, scheint ein Anstieg der Zinsen über kurz oder lang somit unausweichlich zu sein.

Die Bewertungsniveaus der europäischen Aktienmärkte gehen von einem Anhalten des Konjunkturaufschwungs aus, wohingegen Anleihen weiterhin von steigenden Zinsen auf kurze oder lange Sicht bedroht sind.

Die zuletzt veröffentlichten Unternehmensdaten bestätigen den mikroökonomischen Aufwärtstrend. Die Bewertungsniveaus der Aktienmärkte in Europa liegen etwa im historischen Durchschnitt. Daher ist es wichtig, bei der Bewertung Fehler zu vermeiden und sorgfältig diejenigen Branchen auszuwählen, deren Gewinnentwicklung das Potenzial für positive Überraschungen birgt. Die Themen Börsenwert und große Marktkapitalisierungen in Frankreich und Europa (besonders in Südeuropa) müssen im Hinblick auf Anlagen neu bewertet werden. Was die Anleihen betrifft, so ist es weiterhin von grundlegender Bedeutung, auf Portfolios mit kurzen Laufzeiten zu setzen. Zwischen 1990 und 2016 ist die durchschnittliche gewichtete Rendite der weltweit umlaufenden Anleihen von 9 % auf 1,6 % gesunken, während die Zinssensitivität im Mittel von 4,7 auf 6,9 gestiegen ist. Auch wenn kurzfristige Anleihen somit kaum etwas einbringen, so ist es unter diesen Umständen doch ratsam, sie zu behalten, um im rechten Moment die Chancen zu ergreifen, die sich bei einer Verschiebung der Zinskurve auftun könnten.

Dieser Text wurde am 22. März verfasst von Igor de Maack, Portfoliomanager und Sprecher des Portfoliomanagements.

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Von Igor de Maack, Portfoliomanager und Sprecher des Portfoliomanagements   Die wirtschaftlichen Parameter in Europa verbessern sich weiter, und die monetären Bedingungen in den USA normalisieren sich. Obwohl die Demokratien durch populistische Strömungen einer Belastungsprobe ausgesetzt sind, ist es noch zu früh, das...
2017-03-23